«Ein buddhistischer Mönch ist auf der Flucht vor einem hungrigen Tiger. Er rennt um sein Leben und kommt an einen tiefen Abgrund. Springen wäre zu gefährlich, also entscheidet er sich für das Herunterklettern, was mühselig ist.
Auf halber Höhe richtet er seinen Blick nach unten und entdeckt dort ebenfalls einen hungrigen Tiger. Sein Blick wandert von dem hungrigen Tiger, welcher sich über ihm befindet, zum dem hungrigen Tiger unter ihm. Er ist sehr verzweifelt, zumal er bemerkt, dass der Strauch, an dem er sich festhält, auch nicht der Stabilste ist.
In seiner Verzweiflung dreht er seinen Kopf nach rechts. Er entdeckt direkt neben sich eine grosse reife Erdbeere und isst sie mit Genuss!» (Quelle unbekannt)
Die beiden Tiger und Andreas
Letzte Woche sendete ein Freund (ich nenne ihn hier Andreas) einen Hilferuf aus: Es sah ganz so aus, dass er seinen Arbeitsplatz verlieren würde. Auslöser waren unter anderem Gelegenheitsberührungen seiner Vorgesetzten, auf die er sie ansprechen wollte. Zwischen den beiden existiert zudem schon längere Zeit so etwas wie Hass-Liebe. Andreas unterschätzte, dass daraus eine grosse Geschichte wurde: Einbezug des obersten Chefs, Information aller Mitarbeitenden, Gespräche nur noch mit Zeugen und Auftrag, eine schriftliche Stellungnahme abzugeben. Als mein Freund am Freitagmorgen vor die Tatsache gestellt wurde, dass er bis zum Abend alle noch offenen Berichte abliefern musste und anschliessend für zwei Wochen beurlaubt war, schien alles klar.
Vertrauen auf die Erdbeere, trotz Tiger
Schwierig für Andreas, in einer solchen Situation, in der sich die Ereignisse zeitweise stündlich überschlugen, einfach nur zu vertrauen. Auf das, was und wie es kommt. Und das was kommt, dann einfach anzunehmen. Im Vertrauen darauf, dass es richtig ist. In der ersten Skype-Begegnung forderte ich Andreas auf, sich der Panik zuzuwenden, die ihn lähmte und handlungsunfähig machte: Andreas war überrascht, dass während seiner Zuwendung das Panikgefühl leichter wurde. — Obwohl zu viele Berichte darauf warteten, geschrieben zu werden, überredete ich Andreas, die Stunde Mittagszeit zu nutzen und draussen zum höchst möglichen Punkt zu gehen. Obwohl die Landschaft dort wo er wohnt topfeben ist. Trotzdem fand er eine Erhöhung und dankte mir später für diesen Tipp: Wird es im Leben eng, tut es der Seele gut, den Blick in die Weite schweifen zu lassen. Oft werden grosse Probleme gefühlt kleiner.
«Das Leben hat immer recht», sagte mir vor ein paar Jahren ein alter weiser Mann. Ich brauchte mehrere Jahre, bis ich diesen Spruch in der Tiefe verstehen konnte. Ja, was wehre ich mich gegen etwas, das schon ist? Meist sehen wir mitten in Problemen nur zweidimensional: In diesem Fall den Kampf für das Recht (Andreas schaltete sofort einen Anwalt ein) und Rückzug. Resignation, den Kopf senken und das über sich ergehen lassen, was kommt. Man will ja den Job nicht verlieren. Auch als nicht beteiligte Person konnte ich im Moment keinen dritten Weg sehen. Ich fragte Andreas, ob er denn seinen Job gerne macht, ob er dafür Leidenschaft spürt? Seine Antwort kam von Herzen und war sogar über die Mattscheibe spürbar.
Das weckte in mir erneut das Vertrauen auf etwas, was wir beide noch nicht wissen konnten. Und dann passierte wirklich etwas, womit niemand gerechnet hatte: Andreas schaffte es nicht, wie vom Chef befohlen, alle Berichte abzuliefern. Ihm blieb nichts anderes übrig, als am kommenden Morgen die restliche Arbeit zu erledigen. In seiner Mailbox fand er dann ein Rundschreiben vom obersten Chef an alle Mitarbeitenden, dass die Vorgesetzte aufgrund der Vorkommnisse und auf eigenen Wunsch bis auf Weiteres ihrer Führungsrolle enthoben ist. Wir beide waren sprachlos und konnten kaum glauben, wie überraschend und nicht vorhersehbar sich die Geschichte entwickelt hat. Plötzlich war da eine rote Erdbeere, mit der niemand gerechnet hatte.
Happy-End?
Wie die Geschichte weiter geht? Das weiss ich noch nicht. Andreas entschied sich, während den Ferien ein Stück Weg zu Fuss unterwegs zu sein. Um in sich zu gehen und zu hören, was für ihn die Botschaft der Geschichte ist. Nichts in unserem Leben passiert zufällig. Je öfter wir den Mut haben, unsere Aufmerksamkeit den Dingen zuwenden, die nicht rund laufen, desto mehr können wir ergründen, was uns das Leben dadurch sagen will.
− Hannes Hochuli